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Wie nachhaltig agieren Unternehmen in Deutschland?

Titelbild der aktuellen Ausgabe von "Verantwortung Zukunft"

Praxisstand Nachhaltigkeitsmanagement: Eine Studie untersucht Intention, Integration und Implementierung. Dieser Artikel ist erschienen in der aktuellen Ausgabe von Verantwortung Zukunft.

Nachhaltigkeitsmanagement hat sich in Wissenschaft und Unternehmenspraxis etabliert. Das beweist nicht nur eine rasant steigende Anzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen zu dem Thema. Auch die Praxis zeigt: Unternehmen in Deutschland müssen längst nicht mehr davon überzeugt werden, welche Rolle Nachhaltigkeit für den langfristigen Unternehmenserfolg spielt. Nachhaltigkeitsbewusstsein ist in den Managementetagen Deutschlands angekommen – so lautet zumindest das Ergebnis der ersten Barometerstudie, die 2009/2010 vom Centre for Sustainability Management der Leuphana Universität Lüneburg entwickelt und durchgeführt wurde. Wie aber sieht die konkrete Umsetzung aus?

Aus der Wissenschaft

Das Corporate-Sustainability-Barometer basiert auf einer Unternehmensbefragung, die in Kooperation mit PricewaterhouseCoopers unter Beteiligung von 112 deutschen Unternehmen durchgeführt wurde. Neben der Analyse von Nachhaltigkeitsmanagement in der Forschung wurden im praxisorientierten Barometer folgende Themenbereiche untersucht:

Intention: Mit welchen Zielen wird Nachhaltigkeitsmanagement in der Praxis umgesetzt?
Integration: Wie wird Nachhaltigkeitsmanagement in das Kerngeschäft und alle Organisationsbereiche integriert?
Implementierung: Wie wird Nachhaltigkeitsmanagement methodisch umgesetzt, der Erfolg gemessen, und wie werden Stakeholder beteiligt?

Die Analyse der untersuchten Unternehmen lieferte vielfältige Ergebnisse, die zwar positiv stimmen, aber auch große Herausforderungen für die Umsetzung des Nachhaltigkeitsmanagements erkennen lassen.

Treiber und Hemmfaktoren

Entscheidet sich ein Unternehmen für die Etablierung eines Nachhaltigkeitsmanagements, hat das viele Gründe. Einen Anreiz liefern Gesetzgeber und Gesellschaft, die mit der zunehmenden Forderung nach einem Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit Handlungs- und Legitimationsdruck erzeugen. Über 60 Prozent der befragten Unternehmen gaben beispielsweise an, dass Konsumenten die treibende Kraft für ihr Nachhaltigkeitsengagement seien. Zudem gewinnen Faktoren wie Wettbewerbsvorteile an Bedeutung und erhöhen den von Politik und Gesellschaft ausgeübten Druck.

Wenig konstruktiven Einfluss übernehmen laut der Studie Handel, Versicherungsgesellschaften, Gewerkschaften und Banken – und das, obwohl diese Akteure eine nachhaltige Unternehmensentwicklung deutlich vorantreiben könnten. An dieser Stelle sollte verstärktes Engagement gefordert und gefördert werden. Der Auf- und Ausbau von Umwelt- und Sozialverträglichkeitsprüfungen bei der Kreditvergabe ist eine von vielen Möglichkeiten, um Anreize zu schaffen und so Prozesse für mehr Nachhaltigkeit zu befördern.

Zu wenig integrative Elemente

Die nachhaltige Entwicklung eines Unternehmens setzt die Integration von Nachhaltigkeitsaspekten in das Kerngeschäft voraus. Dem stimmen auch die Teilnehmer der Studie zu: Ein Großteil der Befragten gab an, dass das eigene Nachhaltigkeitsengagement mit dem Kerngeschäft verknüpft ist. Diese Verknüpfung findet nach eigener Aussage meist über das Produktsortiment statt. Hier reicht die Bandbreite von der Entwicklung „grüner“ Produkte über alternative Technologien oder nachhaltige Anlageprodukte bis hin zu nachhaltiger Kreditvergabepolitik. Vielen Unternehmen ist also die Bedeutung der Integration bewusst – in der Umsetzung allerdings durchdringt das vorhandene Bewusstsein derzeit nur wenige Unternehmensbereiche. Die Barometerstudie zeigt, dass sich in den meisten Unternehmen nur wenige Abteilungen von ökologischen und sozialen Themen stark betroffen fühlen. Betroffen fühlen sich vor allem die Unternehmenskommunikation sowie die Bereiche Gesundheit, Umwelt und Arbeitssicherheit. Wenig von Nachhaltigkeitsthemen berührt sind nach Einschätzung der Befragten die Organisationsbereiche Finanzen, Controlling und Rechnungswesen. An der organisationsinternen Durchdringung des Nachhaltigkeitsmanagements muss also noch intensiv gearbeitet werden. So ist die Unternehmenskommunikation von Nachhaltigkeitsthemen betroffen, da sie die Reputation eines Unternehmens entscheidend prägt. Entscheidungsrelevante Informationen, wie sie üblicherweise das Rechnungswesen und das Controlling liefern, sind zur Umsetzung unternehmerischer Nachhaltigkeit unabdingbar, finden jedoch kaum Beachtung. Soll Nachhaltigkeitsmanagement systematisch integriert und effektiv und effizient umgesetzt werden, bedarf es des Einbezugs aller Organisationsbereiche und Akteure – auch der Geschäftsleitung. Nur so lassen sich Chancen und Herausforderungen für die einzelnen Organisationsbereiche und das gesamte Unternehmen erkennen und integrative Wege zur erfolgreichen Umsetzung finden.

Anwendung bestimmter Methoden

Das Corporate-Sustainability-Barometer untersucht auch die Bekanntheit und Anwendungshäufigkeit zahlreicher Managementansätze und Standards unternehmerischer Nachhaltigkeit. Zu den bekanntesten gehören Qualitäts- und Umweltmanagementsysteme, Vorschlagswesen, Risikoanalyse, Umweltkennzahlen sowie Sozial- und Kultursponsoring. Aus der Fülle an Methoden werden in der Unternehmenspraxis häufig nur wenige angewendet. Besonders etabliert haben sich in den letzten Jahren Qualitäts- und Umweltmanagementsysteme, was insofern wenig verwunderlich ist, da die entsprechenden Organisationsbereiche verstärkt von Nachhaltigkeitsthemen betroffen sind. Angesichts der fehlenden organisatorischen Einbindung sind aus Rechnungswesen und Controlling kaum methodische Anwendungen von Nachhaltigkeitsmanagement bekannt.

Mit der Praxis abstimmen

Die Analyse zeigt: Um Nachhaltigkeitsmanagement in allen Organisationsbereichen zu etablieren, müssen nicht nur neue Methoden entwickelt werden. Es geht vor allem auch darum, bereits bekannte Methoden stärker auf die Bedürfnisse der Praxis abzustimmen. Der im Barometer angelegte Vergleich zwischen Wissenschaft und Praxis zeigt, dass sich die Forschung vor allem den Bereichen Produktion, Marketing, Rechnungswesen, Supply Chain und Controlling widmet, während in der Praxis andere Schwerpunkte gesetzt werden. Um diese Kluft zu überwinden, wurde das Barometer-Projekt langfristig angelegt. Die Studie des Corporate-Sustainability-Barometers macht zusammenfassend deutlich, dass große Unternehmen in Deutschland intensiv an einer operativen Umsetzung unternehmerischer Nachhaltigkeit arbeiten. Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass noch nicht alle Organisationsbereiche ausreichend integriert werden und dass die methodische Ausgestaltung des Nachhaltigkeitsmanagements noch weiterzuentwickeln ist.

Dieser Artikel ist erschienen in der aktuellen Ausgabe von Verantwortung Zukunft.