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Circular Economy trifft Aufzugbranche: MBA-Absolventin Janina Leupold im Interview

MBA-Absolventin Janina Leupold-Ueschner in einem Aufzug

Du steigst in einen Aufzug. Knopf drücken. Tür schließt. Fahrt nach oben. Ein alltäglicher Moment über den wir selten nachdenken. Für unsere Absolventin Janina Leupold-Ueschner wurde genau dieser Moment zum Ausgangspunkt ihrer Masterarbeit im berufsbegleitenden MBA Sustainability Management. Mit 15 Jahren Erfahrung im Maschinen- und Anlagenbau wollte sie verstehen: Welche Chancen und Hürden hat die Circular Economy in einer traditionellen Industrie?
Im Interview gibt sie Einblicke in ihre Masterarbeit „Einfluss der neuen EU-Ökodesign-Verordnung auf die Umsetzung zirkulärer Strategien in der deutschen Aufzugsbranche. Hürden und Potenziale“.

1. Themenfindung

Was hat dich persönlich an der Aufzugsbranche fasziniert? Und warum eignet sie sich besonders gut, um über Chancen und Hürden der zirkulären Wirtschaft zu sprechen?

Ich komme aus dem Maschinen- und Anlagenbau – 15 Jahre Erfahrung in einer Industrie, die komplex ist, global vernetzt und voller Transformationspotenzial steckt. Für meine Masterarbeit wollte ich genau diese Expertise nutzen. Und ich wollte einen Sektor untersuchen, mit dessen Produkten jede und jeder etwas anfangen kann: Aufzüge sind Anlagen, die wir alle kennen.

Dabei bildet die Branche ein spannendes Mikrosystem des Maschinen- und Anlagenbaus: Wir haben auf der einen Seite vier sehr große, globale Player, auf der anderen Seite sehr viele, kleine und mittelständische Unternehmen – häufig familiengeführt, werteorientiert und mit einer tief verankerten Reparaturkultur.

Mich fasziniert an Aufzügen dieses Zusammenspiel aus Ingenieurskunst, Sicherheit und langen Lebenszyklen. Und ich bin mir sicher: Die Erkenntnisse aus dieser Branche sind in weiten Teilen auf den gesamten Maschinen- und Anlagenbau übertragbar.

2. Regeln und Realität

Die EU schafft mit der Ökodesign-Verordnung (ESPR) klare Vorgaben für nachhaltigere Produkte. Verstehen die von dir untersuchten Unternehmen solche Anforderungen schon als Chance – oder nur als bürokratische Belastung?

Beides – und genau diese Ambivalenz macht das Thema so relevant.

Die großen Player begreifen die ESPR zunehmend als strategischen Hebel: Sie nutzen die Vorgaben, um Produkte kreislauffähig zu gestalten, Innovationen zu beschleunigen und digitale Instrumente wie den digitalen Produktpass vorzubereiten.

Kleine und mittlere Unternehmen erleben die Verordnung dagegen oft als zusätzliche Belastung. Nicht, weil sie nicht wollen – sondern weil sie im Tagesgeschäft unter einem enormen Kapazitätsdruck stehen.

Gleichzeitig darf man eines nicht vergessen: Die ESPR ist bereits rechtskräftig. Und auch wenn die Details erst durch delegierte Rechtsakte präzisiert werden, ist die Aufzugsbranche über die priorisierten Produktgruppen Eisen und Stahl schon heute mittelbar betroffen.

3. Vom Reden ins Tun

„Circular Economy“ als umfassende Vision wird wissenschaftlich schon lange diskutiert, praktisch umgesetzt wird sie kaum. Wie sieht das in der Aufzugsbranche aus? Und was sind die drei relevantesten Barrieren für zirkuläre Praktiken?

In der Wissenschaft ist die Circular Economy längst etabliert – und wir wissen, wie stark sie dazu beitragen kann, Klimawandel, Biodiversitätsverlust und globale Abhängigkeiten zu reduzieren.

Aber: In der Umsetzung hinken wir dramatisch hinterher. In Deutschland liegt etwa der Anteil von Sekundärrohstoffen bei nur mageren 13,9 % – und das obwohl wir uns doch immer als „Recyclingweltmeister“ fühlen. Das zeigt sehr deutlich, wie groß die Umsetzungslücke ist.

Die Aufzugsbranche ist ein besonders interessantes Beispiel dafür. Sie hat eine tief verankerte Reparatur- und Servicekultur, jahrzehntelange Produktlebenszyklen – und trotzdem entsteht daraus nicht automatisch ein systematischer Zirkularitätsanspruch.

Drei Barrieren stehen dem Weg:
1️. Regulatorische Komplexität – Viele Vorgaben wie die ESPR, CSRD und der Data Act greifen ineinander, aber nicht immer ineinander über. Das gibt wenig Orientierung und besonders KMU fühlen sich strukturell überfordert.
2. Finanzieller und personeller Druck – Margen, Fachkräftemangel und fehlendes Wissen erschweren Investitionen in zirkuläre Lösungen.
3. Branchenspezifische strukturelle Barriere – die Trennung zwischen Auftraggeber:innen und Betreiber:innen der Anlage. Sie führt zu fehlenden Anreizen für langlebiges Design. Diese Barriere ist hochgradig spezifisch für die Aufzugsbranche und findet sich in anderen Industrien in dieser Form kaum.

Als kleines Wissenschafts-Schmankerl: Dieses dritte Hindernis konnte ich in meiner Masterarbeit als zusätzliche branchenspezifische Barriere empirisch herausarbeiten – als Ergänzung zum etablierten acatech-Barrierenmodell.

4. Groß oder klein – wer hat den Vorteil?

Deine Arbeit zeigt, dass große Unternehmen und Mittelständler unterschiedlich gut mit Nachhaltigkeit umgehen können. Was hast du bezüglich der Unternehmensgröße genau herausgefunden?

Im Moment tatsächlich: die Großen. Sie verfügen über Ressourcen, Strategieteams, IT-Abteilungen und die nötige Schlagkraft, um regulatorische Impulse frühzeitig aufzunehmen, Pilotprojekte umzusetzen und Digitalisierung konsequent zu nutzen.

Kleine und mittlere Unternehmen dagegen sind oft hoch innovativ und sehr werteorientiert – viele sind familiengeführt und haben ein tiefes Verantwortungsbewusstsein. Aber sie arbeiten am Limit: Alltagsgeschäft, Personalknappheit und strategische Überlastung bremsen die Transformation.

Das kann gefährlich werden: Wenn große Hersteller geschlossene digitale Systeme verbauen, entsteht ein digitaler Lock-in, der KMU aus dem Markt drängen kann – in einer Branche, die von jahrzehntelangen Lebenszyklen geprägt ist, wäre das fatal.

Deshalb ist es für KMU entscheidend, jetzt in Digitalisierung zu investieren – nicht als Selbstzweck, sondern als Voraussetzung für ihre zirkuläre Zukunft.

5. Blick nach vorn:

Wenn du in die Zukunft schaust – wie könnte die Branche unterstützt werden, damit zirkuläres Denken und zirkuläre Praktiken selbstverständlich werden? Was können die Aufzugunternehmen selbst tun, wo wäre die Politik gefragt?

Wir brauchen einen Dreiklang aus klaren Rahmenbedingungen, digitaler Offenheit und mutigem unternehmerischem Handeln.

Die Politik sollte:

  • langfristige, verlässliche Regeln schaffen – kein regulatorisches Zickzack
  • Interoperabilität sichern: offene Schnittstellen, herstellerunabhängige Datenzugänge, transparente digitale Produktpässe
  • digitale Lock-ins verhindern
  • öffentliche Beschaffung als Hebel nutzen: Wenn Zirkularität gefordert wird, entsteht Markt

Die Branche kann selbst enorm viel beitragen:

  • Zirkuläres Design in der Produktentwicklung verankern
  • Geschäftsmodelle neu denken – von Produktbesitz zu Nutzungsbereitstellung
  • Digitalisierung strategisch nutzen: Daten statt Ersatzteile
  • Kooperations- und Rücknahmestrukturen aufbauen
  • Mitarbeitende befähigen und in die Transformation einbinden

Und darüber hinaus:
Ich bin überzeugt, dass sich große Teile dieser Erkenntnisse auf den gesamten Maschinen- und Anlagenbau übertragen lassen. Die Muster ähneln sich – bei der Regulierung, der Ressourcenknappheit, der Digitalisierungsdynamik und der Rolle der Unternehmensgröße.

Ich freue mich deshalb sehr über den Austausch – wissenschaftlich wie praktisch. Denn Transformation gelingt am besten, wenn Branchen voneinander lernen und gemeinsam handeln.

Vielen Dank für die Einblicke!

Links:
Janina Leupold-Ueschner bei LinkedIn
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MBA Sustainability Management

Foto: privat