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„Wer zögert, zahlt“- MBA-Absolventin Claudia Kister im Interview

MBA-Absolventin Claudia Kister im Leuphana-Zentralgebäude vor einem Fenster

MBA-Alumna Claudia Kister ist Director Sustainable Finance beim Bankenverband. Im Verband arbeitet sie gemeinsam mit den Mitgliedsbanken an zentralen Fragestellungen rund um nachhaltige Finanzmärkte und Regulierung. Sie hat 2024 den MBA Sustainability Management erfolgreich abgeschlossen und nach jahrelanger Tätigkeit im Risikomanagement einer Bank zum Bankenverband gewechselt. Im Interview spricht sie über die Dringlichkeit einer Transformation zur nachhaltigen Wirtschaft und zeigt, warum sie sich lohnt. Sie hat unter anderem das Positionspapier “Mit Transformation die Wirtschaft stärken“ federführend mitverfasst, das Perspektiven für den nachhaltigen Wandel aus Sicht der privaten Banken aufzeigt.

Viele framen die Transformation der Wirtschaft als kostenintensiv – „das können wir uns gerade nicht leisten“. In eurem Positionspapier heißt es: „Transformation lohnt sich – ökologisch und ökonomisch“. Warum gilt das auch in Zeiten voller akuter Herausforderungen?

Klimafolgen und Lieferkettenstörungen verursachen die realen Kosten – nicht die Transformation. Die Abhängigkeit von fossilen Importen gefährdet unsere Souveränität. Frühzeitige Investitionen helfen, Schäden zu begrenzen, Risiken zu senken und Resilienz aufzubauen. Gleichzeitig können Unternehmen so frühzeitig neue Märkte besetzen.

Transformation ist kein „Luxusprojekt für bessere Zeiten“, sondern wirtschaftliche Vorsorge und konkrete Chance.

„Wer zögert, zahlt“ schreibt ihr im Positionspapier. Wo siehst du aktuell noch zu viel Zurückhaltung – und was könnten deiner Meinung nach die Ursachen dafür sein?

Zurückhaltung gibt es vor allem dort, wo Unsicherheit und knappe Spielräume zusammenkommen: also z.B. im Mittelstand mit begrenztem Kapital und Ressourcen, aber auch in energieintensiven Branchen mit hohen Investitionskosten.

Oftmals fehlt hier nicht der Wille, sondern strukturelle Hemmnisse bremsen Investitionsentscheidungen aus. Dazu zählen mangelnde Planungssicherheit, komplexe Regulierung, lange Genehmigungs- und Planungsverfahren und hohe Anfangsinvestitionen. Viele Unternehmen warten ab, weil sie Sorge haben, heute in etwas zu investieren, das morgen politisch wieder infrage steht oder nicht mehr gezielt gefördert wird.

„Oftmals fehlt hier nicht der Wille, sondern strukturelle Hemmnisse bremsen Investitionsentscheidungen aus.“

Gleichzeitig entsteht dadurch die Gefahr, dass unsere Wirtschaft technologisch und strategisch den Anschluss verliert. Wer notwendige Modernisierungen oder Anpassung des Geschäftsmodells zu lange verschiebt, riskiert, dass internationale Wettbewerber schneller sind und sich Marktanteile sichern. Oder aber, dass die Unternehmen, die abwarten, perspektivisch von steigenden CO₂-Kosten und Ressourcenknappheit getroffen werden. Je länger sie warten, desto enger werden ihre Handlungsspielräume – und desto teurer wird der Umbau.

Das Papier unterstreicht die Verantwortung von Banken als Partner der Transformation . Welche Rolle spielt ein Bankenverband und wie trägst du in deiner Rolle als Director Sustainable Finance dazu bei?

Für uns als Bankenverband geht es in der Transformation vor allem darum, Praxis, Politik und Aufsicht miteinander in Kontakt zu halten und inhaltlich Impulse zu setzen. Also zum einen dafür zu sorgen, dass Gesetze auf deutscher oder europäischer Ebene nicht an der Realität in den Banken vorbeigehen. Durch das Feedback unserer Mitglieder erfahren wir, wo Dinge funktionieren und wo sie schwierig werden. Diese Erfahrungen zu bündeln und weiterzugeben, ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit als Interessensvertretung.

Und zum anderen setzen wir durch Veröffentlichungen wie das Positionspapier Impulse nach innen wie außen – als eine konstruktive Stimme der Privatwirtschaft. Genauso wichtig ist, dass wir die Mitglieder im Austausch zusammenbringen, so dass sie auch die Transformation in ihren eigenen Häusern weiter vorantreiben können. Und wir sehen: Trotz Gegenwind und vieler Unsicherheiten halten unsere Mitglieder, die privaten Banken in Deutschland, an ihren Nachhaltigkeitszielen fest. Sie begleiten ihre Kund*innen bei Transformationsfragen – über Finanzierungen, aber auch über Gespräche zu Investitionen, Risiken und Zukunftsperspektiven.

In meiner Rolle als Director Sustainable Finance im Verband geht es vor allem darum, diese Perspektiven zusammenzuführen: die Anforderungen von Politik und Aufsicht, die strategischen Herausforderungen der Banken und die Erwartungen von Wirtschaft und Gesellschaft. Dabei ist mein Fokus einerseits die Kommunikation und Arbeit nach innen mit unseren Mitgliedern, aber genauso auch nach außen – durch Positionspapiere, Stellungnahmen & Outreach-Gespräche zu regulatorischen Themen oder im Austausch mit anderen Stakeholdern. Hier finde ich persönlich den Blick über den eigenen Tellerrand enorm wichtig.

Welche Kompetenzen aus dem MBA-Studium helfen dir konkret bei dieser Aufgabe?

Im Studium ging es stark um systemische Zusammenhänge – also darum, wie ökologische, ökonomische und gesellschaftliche Faktoren ineinandergreifen. Auch in meiner Arbeit im Verband ist das essenziell: die Dinge miteinander zu verknüpfen. Also beispielsweise in unserem Positionspapier nicht im Sinne von Klimaschutz versus Wettbewerbsfähigkeit zu argumentieren, sondern zu zeigen, dass beides zusammengebracht werden kann und muss. Dieses vernetzte Denken aus dem Studium hilft mir enorm.

Im MBA wurde immer die strategische Einbettung von Nachhaltigkeit in Geschäftsmodelle, Prozesse und die Wertschöpfung von Unternehmen vermittelt. Dieses Verständnis hilft mir heute sehr in meiner Arbeit. Durch die detailreiche ESG-Regulierung ist in letzter Zeit bei Vielen der Eindruck entstanden, Nachhaltigkeit sei vor allem eine Frage von Berichten und Compliance. Es ist aber viel mehr: es ist strategisches, vorausschauendes Management.

„Im MBA wurde immer die strategische Einbettung von Nachhaltigkeit in Geschäftsmodelle, Prozesse und die Wertschöpfung von Unternehmen vermittelt. Dieses Verständnis hilft mir heute sehr in meiner Arbeit.“

Zuletzt finde ich die Fähigkeit aus dem MBA-Studium, (wissenschaftlich) fundiert zu argumentieren und komplexe Themen strukturiert aufzubereiten, ausgesprochen wertvoll – vor allem bei der Erarbeitung von Positionspapieren oder bei der Vermittlung gegenüber Mitgliedern, Politik und anderen Stakeholdern.

Es wird betont, dass Politik und Wirtschaft gemeinsam handeln müssen. Welche Weichen müsste deiner Meinung nach die Politik jetzt stellen, damit nachhaltige Transformation erfolgreich ist?

Neben der Frage wettbewerbsfähiger Energiepreise geht es aus meiner Sicht vor allem um ein paar grundlegende Dinge:

Entscheidend ist erst einmal Verlässlichkeit. Unternehmen investieren, wenn sie wissen, woran sie sind – und nicht, wenn Ziele, Förderlogiken oder industriepolitische Leitplanken ständig infrage gestellt werden. Widersprüchliche Signale, etwa durch die gleichzeitige Förderung fossiler Geschäftsmodelle, helfen dabei nicht.

Dann geht es um das Thema Bürokratie. Die Debatte fokussiert sich derzeit sehr stark auf die Vereinfachung der ESG-Regulierung. Entbürokratisierung muss aber ebenso bei Vereinfachung von Planungs- und Genehmigungsverfahren ansetzen.

„Ich wünsche mir, dass aus der Wirtschaft stärker diejenigen zu Wort kommen, die Transformation aktiv vorantreiben.“

Und schließlich geht es um das Bild, das wir von Transformation zeichnen. Klimaschutz und Nachhaltigkeit werden oft als Belastung wahrgenommen. Dabei ist und bleibt die Transformation essenziell. Entscheidend finde ich, ob Politik sie als Chance für Wettbewerbsfähigkeit, Resilienz und Innovation vermittelt. Und ich wünsche mir, dass aus der Wirtschaft stärker diejenigen zu Wort kommen, die Transformation aktiv vorantreiben. Nicht nur die lauten Kritiker, sondern die vielen Unternehmen, die diesen Weg bereits gehen – und dafür auch gute wirtschaftliche Gründe haben.

Danke für die Einblicke!

Links zum Weiterlesen:
Positionspapier „Mit Transformation die Wirtschaft stärken“
MBA Sustainability Management